Der Nudeldampfer von Löbau

Das Haus Schminke in Löbau wird von Fachleuten weltweit zu den bedeutendsten Beispielen des Wohnhausbaus der Klassischen Moderne gezählt. Es gehört zu einer Gruppe von nur vier besonders herausragenden Gebäuden dieser Epoche. Die weiteren drei sind: das von Ludwig Mies van der Rohe 1931 entworfene Haus Tugendhat in Brünn (Tschechien), die 1929 von Le Corbusier erbaute Villa Savoye im französischen Poissy sowie das 1939 in Pennsylvania entstandene Haus Fallingwater (Kaufmann Residence) von Frank Lloyd Wright.

Ich habe dazumal das gemeinsame Erfahren des Hauses aus dienstlichen Gründen verpasst und den heutigen Sonntag genutzt, um das Versäumte nachzuholen.

Zum Auftakt die Wanderung

Nahebei des oben genannten Objektes fand sich ein Parkplatz und ich nutzte die Zeit bis zur Öffnung (Donnerstag bis Sonntag, 12:00 bis 17:00 Uhr), um mir ein wenig die Beine zu vertreten.

Startpunkt war die Kirschallee in Löbau. Der mensch spazierte (herzallerliebst im Sonnenschein) durch Altlöbau nach Oelsa hinüber und folgte dem Bachlauf namens "Seltenrein". Nette Häuschen prägen das Ortsbild, dazu viel Grün und prachtvolle Gärten. Ringsum Agrarlandschaft, ein wenig Vieh steht auf den Wiesen, die unter der Last ächzenden Apfelbäume versprechen eine reiche Ernte. Vom Ortsrand ging es auf die Höhe, dann zur Landstraße und gleich darauf links in die Felder hinein. Nach wenigen hundert Metern wechselte ich auf die ehemalige Bahnstrecke durch das Cunewalder Tal (heute der Löbau–Cunewalde-Radweg) und lief zurück zum Stadtrand.

Die Runde endete exakt und zur rechten Zeit am Haus Schminke in Löbau (komoot).

Ich sah: zottelige Galloways, freundliche Pferde, schleichende Katzen und fliegende Störche. Am Horizont den Hochstein und nahebei den Löbauer Berg. Der Mais stand mannshoch und die Traktoren zogen den Pflug über die Stoppelfelder. Die wenigen Radfahrerinnen und auch die Kleingärtnerinnen grüßten allesamt freundlich.

Die Vision des modernen Wohnens

Im Anschluss besichtigte der mensch das inzwischen geöffnete Haus Schminke – gemeinsam mit vielen anderen interessierten Menschen. Ich hielt mich jedoch abseits der Führungen und erkundete alles selbst – der Audio-Guide war der perfekte Begleiter.

Ich fasse zusammen: Das Haus Schminke in Löbau wurde Anfang der 1930er Jahre von Hans Scharoun für die Familie Schminke gebaut und gilt als eines der wichtigsten Wohnhäuser der Klassischen Moderne. Durch seine geschwungenen Formen, großen Fensterflächen und die enge Verbindung von Innen- und Außenraum erinnert es an ein Schiff, weshalb es den Spitznamen Nudeldampfer erhielt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Haus von der Roten Armee beschlagnahmt und diente später in der DDR als Klub- und Freizeithaus (Erholungsheim, FDJ-Klubhaus, Pionierhaus, Jugendfreizeitzentrum). Erst Ende der 1990er Jahre wurde es umfassend restauriert (1993 verzichteten die Töchter auf das Rückübertragungsrecht, um das Haus öffentlich nutzbar zu machen) und in seinen ursprünglichen Zustand zurückgeführt. Heute wird es von einer Stiftung betreut, ist für Besucher zugänglich und kann sogar als Übernachtungsort genutzt werden.

So weit, so gut. Wie dieses ungewöhnliche und mir sehr gefällige Architekturdenkmal einzuordnen ist, wurde bereits einleitend gesagt und ich möchte das noch einmal unterstreichen: Architekt Hans Scharoun hat hier nicht nur ein Haus entworfen, sondern ein Wohnkonzept, das seiner Zeit weit voraus war: offene, fließende Räume, viel Licht, die enge Verbindung von Haus und Garten und eine Architektur, die an ein Schiff erinnert. Es ist als solches ein Stück Architekturgeschichte zum Anfassen und ein faszinierendes Muss für interessierte Menschen, die sich zum Zwecke der Erbauung und Erholung – allen Vorurteilen zum Trotz – in die Oberlausitz begeben.

Ich trommle sehr gerne dafür. Und ihr wisst Bescheid.

Dieser Artikel wurde aktualisiert am 05/03/2026